Tobias Gohlis über David Peace: 1983

 


Realität und Märchen

Folter

Hölle

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David Peace:
1983

 

 

 

 

Hell revisited

Mit „1983“ beschließt David Peace das Red Riding Quartet noch apokalyptischer als er es begonnen hat.

„Es ist vollbracht“. So könnte es schließen, mit den letzten Worten des Erlösers am Kreuz. So könnte es gut sein. Doch es endet mit einem fetten Mann namens Piggott. Er liegt in seiner Badewanne und schneidet sich die Pulsadern auf. „My Country,“ schießt es ihm durch den Kopf, „my country, right or wrong.“ Und dann schreibt er „drei letzte Worte auf ein Stück nasses Papier.“ 1974-1977-1980-1983. Vier mal drei ist zwölf. Vier Bücher und zwölf Jahre. Mit dem Roman 1983 ist das „Red Riding Quartet“ abgeschlossen. Entstanden ist es in Ost-Tokio und auf dem Schlachtfeld, das West-Yorkshire in den 1960er und 70er Jahren war. Zumindest im Bewusstsein von David Peace. Er wurde 1967 dort in Ossett geboren und war ein Kind von acht Jahren, als der „Yorkshire-Ripper“ erstmals zuschlug. Wahr oder nicht wahr: In einer autobiographischen Skizze für die britische Zeitschrift crime time beschreibt Peace, wie besessen er damals von der Vorstellung war, sein Vater könne der Ripper sein. Und als dann das berühmte Tonband mit der Stimme des Rippers auftauchte, die nicht die Stimme seines Vaters war, begann Peace zu fürchten, seine Mutter werde das nächste Opfer sein.

Realität und Märchen
Red Riding. Der Titel der Tetralogie definiert eine Welt zwischen Realität und Märchen, zwischen Kriminalfall und Wahn. „West-Riding of Yorkshire“ ist die ursprüngliche Bezeichnung für den 1974 (also zum Handlungszeitpunkt des ersten Romans) in ein Metropolitan County umgewandelten Bezirk, in dem traditionell die Roten, Labour, das Sagen hatten, und in dem fast alle Morde und anderen Verbrechen begangen wurden, die reale Grundlage des Erzählten sind. „Red Riding Hood“ ist Rotkäppchen, und von Anfang bis Ende, von 1974 bis 1983, behauptet der als Mörder einsitzende Michael Myshkin, er wisse, wer zwischen 1969 und 1983 fünf Schulmädchen umgebracht hat: der Wolf. Am realen Anfang stand neben dem Yorkshire-Ripper Peter Sutcliffe, der bis 1981 13 Prostituierte mit einem Hammer erschlug, das mörderische Ehepaar Myra Hindley und Ian Brady, das zwischen 1963 und 1965 fünf Kinder und Jugendliche vergewaltigte, folterte, ermordete und im Saddleworth Moor vergrub. Von ihrem vierten Opfer, der 10-jährigen Leslie Ann Downey, hatte das sadistische Duo pornographische Photos gemacht. Sie zeigten das Kind in einer betenden Haltung. Es gibt auch ein Tonband, auf dem Leslie Anns Hilfeschreie vor der Ermordung zu hören sind. Die Schreie des hilflosen gefolterten Kindes sind die Basismelodie, aus der David Peace sein Red-Riding-Quartet komponiert hat. Das wird erst in 1983 vollständig deutlich, in dem abschließenden Roman, der zwar eigenständig gelesen werden kann, aber doch wesentliche Handlungsstränge der drei vorausgegangenen Romane zusammenfasst. 1983 ist strukturiert durch zwei Erzähler und zwei Ermittlungen.

Folter
Detective Chief Superintendent Maurice Jobson, der seit 1974 in den Fällen von verschwundenen und ermordeten Mädchen ermittelt, sucht fieberhaft nach dem jüngsten Opfer, Hazel Atkinson. Zwanghaft wird er mit den Erinnerungen an diese Fälle und an eigene Verbrechen konfrontiert. Zwanghaft wiederholt der dieselben Gewaltakte. Diesmal foltert er den jungen Jimmy Ashworth so lange, bis er alles gesteht, was man von ihm will. Ashworths anschließender „Selbstmord“ in der Zelle ruft Anwalt John Piggott auf den Plan. Piggott, fett, einsam, verfressen, wächst in die Rolle des Leidensträgers, des schwarzen Jesus hinein, der niemanden von seinen Sünden befreit, aber die Schuld der Welt auf sich nimmt. Sie war in den vorausgegangenen Romanen mit den Reportern Eddie Dunford und Jack Whitehead sowie dem externen Ermittler Peter Hunter besetzt. Piggott trägt Material für ein Berufungsverfahren zusammen. Der etwas zurückgeblieben scheinende Michael Myshkin sitzt nach einem ebenfalls erfolterten Geständnis für den Mord an der 9-jährigen Clare Kempley seit 1975 im Gefängnis. Piggotts Suche nach entlastenden Beweisen und Zeugen führt zurück in eine nur notdürftig vom Vergessen kaschierte Hölle aus Mord, Kindesentführung, Vergewaltigung und Missbrauch. In großen Rückblenden verknüpft Peace Piggotts Suche nach der Geschichte der Opfer mit den Albträumen des Polizisten. Maurice Jobson war und ist Mitglied einer Bande von korrupten Polizisten, die über die Jahre mit Scheinermittlungen ihre eigenen Geschäfte geschützt hat. Doch an einem Punkt ist er Mann des Rechts: Ihn quält das unaufgeklärte Schicksal des allerersten Opfers, der 8-jährigen Jeanette Garland, die 1969 verschwand.

Hölle
„Hölle“ ist das Wort, das in 1983 am häufigsten vorkommt. Und diesmal ist es die Hölle unaufhörlicher Wiederkehr. Wie die Schreie des gefolterten Kindes, einmal vernommen, niemals aus dem Gedächtnis schwinden können, kehren immer dieselben Szenen wieder, immer hautnah in Peaces unverwechselbaren, höchste Aufmerksamkeit und Anspannung erzwingenden Rap-Stil rekapituliert. Szenen kaum vorstellbarer Grausamkeit, die durch Wiederholung nur bedrängender werden. Peace, der sich selber als großer Fan von James Ellroy bezeichnet (wie jeder große Kriminalschriftsteller unserer Zeit), wird oft mit diesem verglichen. Doch die dämonische Komposition 1983 legt tiefere Schichten offen. Peace steht in der Tradition einer schwarzen Theologie – Anklänge an Miltons „Lost Paradise“ und die apokalyptischen Gesänge William Blakes begleiten die Kinderschreie. Erlösung gibt es in dieser nach Erlösung rufenden Welt nicht, Gesellschaft gibt es nicht, nur Verdammte. Drei Schlussbilder stehen wie die Flügel eines zerbombten Altars nebeneinander. Links das Paradies: ein Kirchenschiff voller ermordeter Kinderengel, zwischen ihnen der wahnsinnige Reporter Jack Whitehead mit einem Nagel im Kopf. Mittelstück: Ein junger Mann, Loch im Kopf, massakriert seine Mutter und seinen Peiniger. Rechts: Piggott verblutet in seinem Land.

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in Seite Vier — Das Magazin der neuen Bücher, FJ 2008

Siehe auch: Tobias Gohlis über David Peace „1974“