Tobias Gohlis über Bill James: Rivalen

 


Wer unten liegt, kommt schlechter weg

Wer unten liegt, kommt schlechter weg

Angst macht unüberwindlich

James als neuer Hogarth

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Bill James: Rivalen. Aus dem Englischen von Gerold Hens

 

 

Strand der Selbsthypnose

Es gibt nur eins, was Panik-Ralph wirklich gar nicht vertragen kann: wenn man ihn Ralphy nennt. Schließlich hat er es zu etwas gebracht. Da steht sein Club Monty, ein bisschen heruntergekommen zwar, aber doch einsame Klasse in dem Provinzbadeort irgendwo an der englischen Südküste, da sind seine Ehefrau und die beiden Töchter, da ist sein Studium der Politologie, Geschichte und Religionswissenschaften, dem er sich jeden Abend ein, zwei Stunden widmet, bevor er im Club nach dem Rechten sieht. Da sind noch die 50 000 Pfund, mit denen er ganz nach oben kommen kann. Und da ist seine wundervolle Geliebte Christine, die er so gern am Strand trifft. Schön ist es dort nicht, aber sicher.
"Diesen Abschnitt hier einen Strand zu nennen, erforderte ziemlich guten Willen ... Als sie heute hier angekommen waren, hatte der Schlamm glänzend und fett in der schönen spätherbstlichen Sonne gelegen. Eine milde Brise ließ auf grünlichen Industrieabwässern wirbelnde Schemen tanzen. Angeschwemmter oder abgeladener Müll schreckte Spaziergänger ab, glücklicherweise selbst im Hochsommer: Autoreifen, noch totere Schafe, zwei Kühlschränke ohne Türen, die verrosteten Skelette von sieben aneinander hängenden Kinosesseln, dreitausend von den Wellen gewaschene Windeln."

Wer unten liegt, kommt schlechter weg
Pech für Christine, dass Ralph ein Gentleman ist. Eine seiner Regeln lautet: Den drängenden Bedürfnissen einer Frau sollte man tunlichst nachgeben. Und so lässt er es an diesem Nachmittag zu, dass Christine sich im Augenblick der Ekstase tief in seinem nackten Rücken verkrallt und die Beine hoch in die Luft streckt. Diese strapaziöse Position ist es, die sie letztlich das Leben kostet. Während Ralph, zu dessen Talenten immer schon die rechtzeitige Flucht gehört hatte, leichtfüßig davon und über den Deich entkommt, kriegt Christine die beiden Kugeln in den Rücken, die ihren Liebhaber treffen sollten.
Es sind eigentlich zwei Geschichten, die Bill James in Rivalen erzählt: eine Gangsterballade und ein Polizeiroman, die sich auf das verschrobenste kreuzen. Der Tod des regionalen Drogenkönigs weckt Begehrlichkeiten, das entstandene Machtvakuum muss gefüllt werden. Männer wie Detective Superintendent Colin Harpur und Clubbesitzer Ralph Ember, die noch das Blut in den Adern fühlen, sind gefordert. Ralph sogar doppelt. Auch wenn Christine nicht seine, sondern die Frau eines fetten Vertreters für Kleintierfütterungsautomaten war, gebietet es sein Ehrgefühl, sie zu rächen, zumal wenn der Auftraggeber des Mordes ein Konkurrent um Platz eins in der Drogenszene ist. Harpur hingegen entschließt sich, den Kreuzzugsrufen seines Chefs zu folgen - das Küstenkaff soll drogenfrei bleiben, nicht solch ein Sumpf werden wie London oder Manchester - und geht undercover, als hoch willkommener Kombattant des gegnerischen Syndikats.

Angst macht unüberwindlich
Ralph trägt seinen Spitznamen Panik-Ralph (der dem Buch auch den englischen Titel gegeben hat) zu Recht. Denn in den wenigen Augenblicken, in denen es darauf ankommt, mobilisiert die Panik ihren Mann, und er wächst über sich hinaus. Nur mit rettender Panik im Nacken gelingt es ihm, nächtens die ermordete Geliebte aus dem schlammigen Watt zu befreien, ohne von ihrem Leichnam ertränkt und selber von der Flut ins Meer gespült zu werden. Nur so wird er aller Feinde Herr - auch jener Freunde, die ihn Ralphy nennen.

James als neuer Hogarth
Allein die Erfindung dieses panischen Gangsters mit seinen plüschigen Aufstiegsträumen würde James zum Krimiautor der Extraklasse machen, doch der Brite kann mehr. In geradezu hinterhältig doppeldeutigen Dialogen skizziert er in bissigen Karikaturen ein England post Thatcher: Ehrgepussel und pseudoreligiöses Gewäsch kaschieren Egoismus und Habgier auf krudestem Niveau. James' Protagonisten agieren wie unter Selbsthypnose: Wie sonst könnte diese Kloake von Strand als Liebesnest und Vogelschutzgebiet(!) durchgehen? Hinter seinen Protagonisten schaut ein Autor hervor, der es als Spötter und Moralist mit Hogarth aufnehmen könnte. Rivalen ist der 14. Band der in England zu Recht berühmten Serie um die Detectives Desmond Iles und Colin Harpur. Auf Deutsch war von Bill James bisher nur ein anderer Krimi - Auf Rosen gebettet - zu lesen. Hoffen wir, dass der Rotbuch-Verlag uns die anderen 16 Titel nicht lange vorenthält.

P. D. James ist nun allmählich out. Zeit, sich an Bill zu gewöhnen.


Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung inDIE ZEIT Nr. 21/2002