Tobias Gohlis über Wolf Haas: Wie die Tiere




Wolf Haas:

Wie die Tiere

weitere Romane von Haas:

Auferstehung der Toten

Ausgebremst
Der Roman zur Formel1

Der Knochenmann

Komm, süsser Tod

Silentium!


 

 

 

 

Gespickte Kekse gefährden Wiener Hundepopulation

Es musste ja so kommen. Nehmen Sie einen Wiener, denken Sie an Wiener Schule (Konkrete Poesie und so), lassen Sie diesen Wiener Linguistik studieren. Und wenn das immer noch nicht reicht, geben Sie ihm den Vornamen Wolf.

Was muss unweigerlich dabei rauskommen? Ein Hundekrimi natürlich. Doch kein Hund spricht, auch kein Kommissar Rex, keine detektivische Katze oder eine telepathische Kuh. Es ist der Ex-Kommissar Simon Brenner aus Puntigam (wo das Bier her ist): "Ich persönlich vollkommen neutral, aber eines muss ich schon ganz sachlich sagen. In der Stadt sind die Hunde eine Pest. Der Hund betrachtet die Stadt als sein Klosett, und man darf ihm natürlich nicht persönlich böse sein. Aber in Wien offiziell 53000 Hunde, und dann natürlich. Dunkelziffer gigantisch! ... Und doch muss man laut und deutlich eines sagen. Man darf nicht einfach hergehen und Hundekekse streuen. Oder Hundekekse meinetwegen schon, aber nicht mit Stecknadeln drinnen."

Haas & Co. lesen: Hauptgeschäft
Das ist der Brenner, das ist der Haas, wie man sie kennt: Verschwommen und doch direkt, immer per Du und auf voller Augenhöhe mit dem Leser, Spezis des Zwischentons. Im deutsch-österreichischen Sprachraum gibt es drei Krimi-Artisten: den Heinrich Steinfest, den Kurt Lanthaler und den Wolf Haas. Keinen von den Dreien sollten Sie lesen, wie man normalerweise Krimis liest: einen nach dem andern, in der Bahn, auf dem Klo und anderswo nebenbei. Es empfehlen sich: Distanz, Konzentration und Selbstbeherrschung, sonst kommen Sie aus deren Sound nie mehr raus. Haas&Co. lesen: Hauptgeschäft.

Womit wir direkt im Wiener Augarten wären. Wo jemand das Problem der 53 000 Hunderln (plus Dunkelziffer) mit Stecknadeln in den Keksen angeht. Als Hundekeksdetektiv ist der Brenner auch ganz unten. Eigentlich braucht er nur einen Wohnsitz in der Hauptstadt, um schneller eine Frühpension zu bekommen, und den kriegt er nur, wenn er für den Schmalzl vom Nachtclub White Dog den Keksfall aufklärt, mit Dienstwohnung überm Etablissement. Und nun kommt er ganz von unten hoch mit seiner angeborenen Langsamkeit, gerät in Szenen, von denen er niemals geträumt hätte: zu Hojac&Hojac, der Treuhundvermögensverwaltung, in die Erbhinterhöfe einer Frau Hartwig (nicht Habsburg) voll halbzivilisierter Hunde, zum Kinderschutzverein "Früchtchen", der parkweit die hundefreien Zonen bewacht. Und löst diesen tragischen Kinder- und Hundefall unter Teilverlust von Gurgel und Beinfleisch so wunderbar, dass wir beim Finale weinen müssten, hätten wir nicht schon alle Tränen vorher beim Lachen verbraucht.

Unredigiertes Manuskript, erschienen in DIE ZEIT Literaturbeilage Oktober/01


Siehe auch: Tobias Gohlis über Wolf Haas: Brenner und der liebe Gott

Siehe auch: Tobias Gohlis über Wolf Haas: Das ewige Leben