Tobias Gohlis über Dror Mishani: Vermisst

 


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Dror Mishani:
Vermisst

Aus dem Hebräischen von Markus Lemke

 

Anfang mit Avraham

Dror Mishani startet eine viel versprechende Reihe um einen israelischen Vorstadtpolizisten

In Israel mag man keine Detektivromane. In den dreißiger Jahren wurden Sherlock-Holmes-Geschichten ins Hebräische übersetzt, um den jungen Israelis das Erlernen der fremden zukünftigen Staatssprache mit spannenden Texten zu erleichtern. Ein Projekt, das scheiterte. Der Autor Dror Mishani hat in Ha'aretz an diesen schlechten Start des Genres erinnert. Jetzt hat er selbst seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht, Vermisst, und wenn nichts dazwischen kommt, ist das der viel versprechende Beginn einer langen spannenden Beziehung zu seinen Lesern. Mishani startet mit Ambitionen. Avraham Avraham, Polizeiinspektor in Mishanis Geburtsstadt Cholon und Protagonist seines ersten Romans, soll ihn, verriet er Ha'aretz, sein Leben lang begleiten. Mishani ist jetzt 38.
Die Geringschätzung des Detektivromans ist ein Handicap, die ethnische Herkunft seines Inspektors ein andres. Avraham ist, wie die Mehrheit der Bewohner Cholons, Mizrachi, ein Jude aus Nordafrika oder dem Mittleren Osten. Die bekommen meistens die schlecht angesehenen Jobs, als Polizist zum Beispiel. (Umstände, der der deutsche Verlag seinen Lesern in einem Vorwort hätte nahebringen können.) So hat es Avraham in seiner Industrievorstadt mit "Bagatelldelikten zu tun, über die niemand etwas lesen möchte". Trotz gelingt es Mishrani, gewissermaßen vom untersten denkbaren Ausgangspunkt startend, aus dem unspektakulären Fall des verschwundenen Ofer Sharabi eine spannende, hintergründige Geschichte zu machen.
Der 16-Jährige ist eines Morgens nicht zur Schule gegangen, sondern spurlos verschwunden. Als die besorgte Mutter sich an die Polizei wandte, wurde sie von Avraham mit dummen Sprüchen abgewimmelt. Jetzt quält der Gute sich mit Schuldgefühlen, kommt aber nicht weiter. Niemand weiß etwas über den Verbleib des Jungen, die Mutter ist verschlossen wie eine Auster.
Nur Seev Avni, Ofers Nachbar und Nachhilfelehrer, kann mit dem Verschwinden des Jungen etwas anfangen. Er drängt sich den Ermittlern als Ratgeber auf, stellt ihnen den verschlossenen Jungen als von seinen Eltern missverstandenes Sensibelchen dar. Kurz, Seev macht sich verdächtig. Das ändert sich auch nicht, als offenbar wird, dass er Ofers Verschwinden als Gelegenheit begreift, seinen Traum vom Schreiben Wirklichkeit werden zu lassen. Seev ist Mitglied einer Schreibgruppe und möchte etwas verfassen, das wie Kafkas berühmte Axt in das "gefrorene Meer in uns" einschlägt. Seev richtet erhebliches Unheil an, ein amüsantes und lehrreiches Kapitel über Geltungsdrang und Vernichtungswirkung literarischer Ambition. Aber Seev hilft auch, ohne von seinem hohen Ross runterzukommen, bei der Aufklärung des Falles, die Krimileser und vor allem Kenner der schnöden Realität nicht wirklich überraschen wird. Aber Mishrani präsentiert sie spät, raffiniert und mit einem Schuss Selbstzweifel, kurz brillant. Avraham liebt es nämlich, literarischen Detektiven wie Hercule Poirot Fehler in ihren Deduktionen nachzuweisen. Umso überraschender und bitterer ist nun für ihn die Erfahrung, dass die kontingente Wirklichkeit seinen derart geschulten grauen Zellen einen gewissen Widerstand leistet. Mishrani bietet uns – ähnlich wie der schwedische Autor Arne Dahl – elegante, realitätstüchtige Kriminalliteratur, die ihre literarischen Bedingungen mit reflektiert. Wobei Mishrani beim nächsten Avraham-Avraham-Roman ruhig noch etwas tiefer in die israelische Alltagswirklichkeit eindringen könnte.


Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in Die Zeit Nr. 32 vom 01.08.2013