Tobias Gohlis über Carol O'Connell: Kreidemädchen

 


Carol O'Connell:
Kreidemädchen

Aus dem Englischen von
Judith Schwaab

 

Herzlos, aber weise

Carol O'Connells Kathy Mallory ist nach fünf Jahren zurück – im bisher mitreißendsten Kriminalroman des Jahres

Lange, lange, bevor skandinavische Soziopathinnen das KrimiTerrarium zu bevölkern begannen, gab es schon Kathy Mallory. Vor fünf Jahren ward sie zum letzten Mal gesehen, in Carol O'Connells Such mich (ZEIT Nr. 10, 4.3.2010), auf der Recherche nach dem nie erlebten Vater. Jetzt taucht sie wieder auf, in dem mitreißendsten Kriminalroman, den ich 2015 bisher gelesen habe: Kreidemädchen.
Vier Monate war Mallory von den Bildschirmen ihrer New Yorker Special Crimes Unit und der Gruppe alter Herren verschwunden, die getarnt als "Markowitz' Floating-Poker-Game" miteinander wetteifernd nur ein Ziel kennen: Kathy zu beschützen. Diese "Auszeit", zu der sie sich nicht äußert, hat ihr das schon lange (seit neun Romanen) drohende Psychologen-Urteil eingebracht, dessen Vollstreckung jetzt nur noch ausgesetzt ist: dienstuntauglich wegen komplett asozialen Verhaltens.

Carol O'Connell, Jahrgang 1947, ehedem Malerin surrealistischer Bilder, heute eine der besten lebenden Kriminalschriftstellerinnen des anglophonen Raums, gehört zur raren Spezies jener Autorinnen wie Fred Vargas und Sara Gran, die auf dem stabilen Gerüst schlichter Detektiv/Copnovel-Plots wahre Feuerwerke der Imagination zu zünden verstehen, in denen das brillant Märchenhafte und Poetische, das der Kriminalliteratur seit Poes Tagen eignet, wieder aufglüht, als gäbe es nur dieses Heute. Rasant geht es los. Im ach so domestizierten Central Park fällt ein Heer von Ratten über eine Gruppe "begabter Kinder" her und nagt deren Betreuerin zu Tode, als ein engelsgleiches Kind auftaucht, das sich lächelnd jedem Erwachsenen in die Arme wirft, gleichzeitig streckt eine Putzfrau einen Kinderschänder nieder. Das geheimnisvolle Kind verschwindet, die kolumbianische Matrone wird eingebuchtet – schon ist das Fallgewirr da, das nur Mallory, die unersetzliche, lösen kann.

Coco, das Elfenkind, hat nächtelang in der wildesten Ecke des Parks, im "Ramble", gehaust, Blut ist von den Bäumen auf sie heruntergetropft, ihr "Onkel Red" hängt in sechs Meter Höhe sterbend in einem Sack. Wichtiger als die Suche nach den monströsen Hintergründen und Verwicklungen, die zu den insgesamt drei hängenden Verdurstenden geführt haben, ist die Frage: Wird Mallory im Dienst bleiben? Ja, lautet die fröhliche Antwort. Denn im Umgang mit dem ebenso begabten wie gestörten Engelchen Coco – eine schlichtweg umwerfende Kinderfigur – wird Mallory beweisen, was niemand für möglich hielt.
Mallory hat zwar kein Herz und ist manipulativ wie der Teufel, aber mit Waisenkindern wie Coco geht sie weiser um als jeder Psychologe und sozialer als jeder Sozialarbeiter. Dass sie nebenbei einen Haufen selten schwächlicher Übeltäter überführt, eine New Yorker Schickeria aus Geld, Machtgier, Sadismus und Wohltätigkeit entlarvt und einen fünfzehn Jahre alten Polizeiskandal aufdeckt, versteht sich von selbst. Bei Mallory jedenfalls. Der nächste MalloryRoman It Happens in the Dark ist schon geschrieben, nur übersetzt werden muss er noch.

 

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung im Die Zeit Nr. 19 vom 7.5.2005

Siehe auch: Tobias Gohlis über Carol O'Connell „Such mich!“

Siehe auch: Tobias Gohlis über Carol O'Connell „Tödliche Geschenke“