Tobias Gohlis über Carol O'Connell: Tödliche Geschenke

 


Kalifornische Heimat: Skelette

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Carol O'Connell:
Tödliche Geschenke

Aus dem Amerikanischen von
Renate Orth-Guttmann

 

Bruders Knochen

Bruders Knochen

Ob sie sich kennen und schätzen, über den Atlantik hinweg? Carol O'Connell und Fred Vargas, die beiden vom Surrealen infizierten präzisen Phantastinnen, deren enigmatische Ermittlerfiguren der Kriminalliteratur ihrer jeweiligen Kontinente eine neue Psychodynamik gegeben haben? Vargas' Kommissar Adamsberg, den "Wolkenschaufler", kennen weltweit Millionen Leser. O'Connells Mallory, die von einem New Yorker Cop aufgezogene Soziopathin und geniale Ermittlerin (eine transkontinentale Wiederkehr begegnet Fans gerade in Gestalt der Kommissarin Saga Norén in der dänisch-schwedischen TV-Serie Die Brücke) hingegen wird zwar in den USA, Frankreich und einigen anderen europäischen Ländern geschätzt, ist aber in Deutschland zu Unrecht nie recht heimisch geworden. Such mich (s. DIE ZEIT 4.3.2010), O'Connells vorletzter, neunter Roman mit der spröden Heldin, die gerne mal Parkplatzstreitigkeiten mit gezogener Waffe löst, war eine grandiose, albtraumhafte Suche westwärts durch den amerikanischen Kontinent. An deren Ende standen die Entlarvung eines Serienmörders und das Wiedersehen des Waisenkindes Mallory mit ihrem verloren geglaubten Vater.

Kalifornische Heimat: Skelette
In Tödliche Geschenke versetzt Carol O'Connell ihre Leser quasi um eine emotionale Vierteldrehung zurück. Als habe sie nach der gewaltigen Anstrengung der Mallory-Romane erst einmal Luft holen wollen, legt O'Connell, statt die Serie fortzusetzen, einen in sich abgeschlossenen Roman vor. Er spielt im nördlichen Kalifornien in dem fiktiven Provinzstädtchen Coventry. Hierhin ist Oren Hobbs zurückgekehrt. Zwanzig Jahre hat er als Kriminalist in der Militärpolizei der Army gedient, jetzt haben ihn unverständliche und besorgniserregende Briefe ins väterliche Haus gelockt. Da die Tür verriegelt war, ist er durchs Fenster eingestiegen, am Morgen liegt ein menschlicher Kieferknochen auf der Terrasse, und es dauert nicht lange, bis Oren begreift, dass dies ein Überrest seines vor zwanzig Jahren verschwundenen kleinen Bruders Josh ist. Bone by Bone – Knochen für Knochen, so der Originaltitel – arbeitet Oren sich zurück in Raum und Zeit. Bis zu jenem Tag, an dem er begann, sich im Wald zu verirren, immer auf der Suche nach dem verschwundenen Bruder. Jetzt aber muss aufgeklärt, die Erstarrung im Familientrauma gelöst werden, nicht zuletzt, weil das Justizministerium die derbe Agentin Sally Polk (in deutscher Ahnungslosigkeit als "Kommissarin" tituliert) ebenfalls auf Spurensuche geschickt hat. Das Kaff Coventry, in dem niemand schneller als 20 Meilen fährt, ist ein Refugium äußerst skurriler Typen, die O'Connell mit wunderbar leichter Hand in Szene setzt. Swahn, der "halbe Mann", die wahnsinnige, stinkende Bibliothekarin des Ortes oder die alkoholumnebelte Vogelkundlerin, die von der Höhe ihres Aussichtsturmes die Geschicke des Städtchens verfolgt - sie alle wirken ein wenig wie ins Kalifornische versetzte Vargas-Figuren. Sie könnten sich viel erzählen, diese beiden scheuen Magierinnen, litte Carol O'Connell nicht so schrecklich an Flugangst. So lesen wir sie denn, heiter gestimmt.

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung im Die Zeit Nr. 19 vom 3.5. 2012

Siehe auch: Tobias Gohlis über Carol O'Connell „Such mich!“